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Aktuelles aus Recht und Steuern

In der heutigen Zeit sind Konflikte immer mehr fremdbestimmt und institutionalisiert. Der Konflikt "gehört" nicht mehr den Konfliktparteien, sondern wird ausgelagert und beschäftigt Anwälte sowie Gerichte gleichermaßen, meist mit unbefriedigendem Ergebnis auf beiden Seiten und ohne nachhaltige Konfliktlösung. 

In der Rechtswissenschaft werden häufig außerhalb der rechtlichen Sphäre liegende Gründe der Beteiligten, die zur Konfliktentstehung beigetragen haben negiert. Bedürfnisse und Emotionen, die Beziehungs- und Interessenlage, die Reduzierung von Verfahrens- und Konfliktfolgekosten und die Möglichkeit eines unbürokratischen flexiblen Verfahrens, welches personelle und betriebliche Ressourcen schont, werden nicht berücksichtigt. Kein Wunder, dass alternative Verfahren zur außergerichtlichen Konfliktlösung an Bedeutung gewinnen. Sie stellen für die Beteiligten eine vorteilhafte, wesentlich kostengünstigere Alternative zum Gerichtsprozess dar, die meist viel schneller zu einem kontrollierbaren selbstbestimmten Ausgang führen.

Neben der Mediation ist das Verfahren der Cooperative Praxis (collaborative law) eine ernstzunehmende Alternative zur streitigen Auseinandersetzung. Es baut methodisch auf der Mediation auf. Der wesentliche Unterschied besteht darin, dass es keinen allparteilichen Mediator gibt. Der Mandant muss nicht auf seinen anwaltlichen Berater verzichten, er hat einen Interessenvertreter, der sich den Prinzipien des fairen Verhandelns verpflichtet hat. Die Anwälte verfügen über eine Mediationsausbildung und eine Weiterbildung in der Methodik der Cooperativen Praxis. Jeder Anwalt arbeitet mit seinem Mandanten dessen Interessen heraus, erklärt ihm seine rechtliche Position und seinen Verhandlungsspielraum. Die Verhandlung selbst findet dann unter  allen (vier) Beteiligten statt, fair und effizient im gemeinsamen Dialog. Taktieren im Blick auf ein mögliches späteres Gerichtsverfahren gibt es nicht. Die Anwälte haben sich zu Beginn des Verfahrens vertraglich verpflichtet, die in den Verhandlungen gewonnenen Beweismittel nicht gegen die andere Partei zu verwenden, und nicht vor Gericht streitig aufzutreten, sollten die Verhandlungen nicht zu einer Einigung führen. Der Mandant kann sich jederzeit über die Geeignetheit und rechtliche Umsetzung der Lösungsansätze vergewissern und führt die direkten Verhandlungen gemeinsam mit seinem Anwalt.

Ob neben den Anwälten auch Coaches, Fachleute wie Steuerberater oder Kinderexperten hinzugezogen werden, die ebenfalls dem Netzwerk der Cooperativen Praxis angehören, hängt vom Bedarf der Konfliktparteien ab. Alle professionell am Verfahren Beteiligten stützen als Hilfe zur Selbsthilfe die Autonomie der Konfliktpartner in ihrem Dialog, in ihrer Verhandlungs- und ihrer Gestaltungsfähigkeit, um zu einem für sie zufriedenstellenden win-win Ergebnis zu gelangen.

Die Kosten des Verfahrens werden in der Regel nach Zeitaufwand abgerechnet. Sie sind transparent, so finden gemeinsame Sitzungen nur nach Bedarf der Mandanten statt, wenn beispielsweise schon Zwischenvereinbarungen getroffen wurden.

Der Unterschied zu Vergleichsgesprächen in der klassischen Anwaltsvertretung ist der Vertrag, den die Beteiligten zu Beginn miteinander schließen, in dem sie sich verpflichten, im offenen Dialog nur nach einer außergerichtlichen Lösung zu suchen. Damit das Verfahren nicht missbraucht werden kann, haben sich alle Anwälte, die in der Cooperativen Praxis arbeiten, freiwillig einem strengen Verhaltenskodex unterworfen, der vom Deutschen Verein für Cooperative Praxis (DVCP) überwacht wird.

Nicht nur im Familien- und Erbrecht kommt das Verfahren der Cooperativen Praxis zum Einsatz. Auch in der Arbeitswelt, bei Konflikten zwischen Mitarbeitern, zwischen den Hierarchien und zwischen Gesellschaftern, genauso wie im Medizinrecht (Arzthaftung) und im Wirtschaftsrecht bei Unternehmensstreitigkeiten und Unternehmensnachfolgen. Heute muss eine moderne Wirtschaftskanzlei in der Lage sein, ihren Mandanten neben der Vertretung in streitigen Verfahren auch die Begleitung in einem konsensualen Verfahren der alternativen Streitschlichtung anbieten zu können.


Die Verfasserin ist ausgebildete Mediatorin und verfügt über die Zusatzausbildung der Cooperativen Praxis, sie ist Mitglied des Netzwerkes Cooperative Praxis Südwest und des DVCP.