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Gesetzliche oder testamentarische Erben wissen oft nicht, dass ihnen wegen lebzeitiger Schenkungen des Erblassers neben ihrem Erbteil ein sog. Pflichtteilsergänzungsanspruch gegen Miterben oder beschenkte Dritte zustehen kann (§§ 2325, 2326, 2329 BGB). Voraussetzung ist zunächst, dass der Erbe zum Kreis der pflichtteilsberechtigten Personen zählt, nämlich Abkömmling oder Ehegatte oder ein Elternteil des Erblassers ist (§ 2303 BGB). Der Pflichtteil ist die Hälfte des gesetzlichen Erbteils. Ergänzungspflichtig sind die Schenkungen des Erblassers, die er in den letzten 10 Jahren vor seinem Tod gemacht hat. Dabei werden die Schenkungen innerhalb des ersten Jahres vor dem Erbfall voll und innerhalb jedes weiteren Jahres um jeweils ein Zehntel weniger dem Nachlass hinzugerechnet (§ 2325 BGB). Sodann wird der dem Erben zustehende ergänzte gesetzliche Pflichtteil ermittelt. Ist die ermittelte Summe höher als sein Erbteil, dann hat er einen Anspruch auf die Wertdifferenz.
Einfaches Beispiel: Der verwitwete Erblasser hat seine Lebensgefährtin und seinen alleinigen gesetzlichen Erben, seinen Sohn, je zur Hälfte als testamentarische Erben eingesetzt. Der Nachlasswert beträgt 1 Mio. €. Im letzten Jahr vor seinem Tod hat er der Kirche ein Grundstück im Wert von 400.000 € geschenkt.
Nur der Sohn ist pflichtteilsberechtigt. Er hat einen Pflichtteilsergänzungsanspruch in Höhe der Differenz zwischen seinem hälftigen testamentarischen Erbteil (ein Halb von 1 Mio. = 500.000) und seinem ergänzten gesetzlichen Pflichtteil (ein Halb von 1,4 Mio. = 700.000), nämlich von 200.000 €.
Schuldner sind die Miterben, allerdings nur insoweit, als ihnen, sofern sie selbst pflichtteilsberechtigt sind, ihr ergänzter gesetzlicher Pflichtteil verbleiben muss (§ 2328 BGB). Soweit sie nicht verpflichtet sind, kann die/der Pflichtteilsberechtigte grundsätzlich vom Beschenkten die Wertdifferenz herausverlangen (§ 2329 BGB).
Lebzeitige Schenkungen des Erblassers an seine Erben sind auf deren Pflichtteilsergänzungsansprüche anzurechnen und zwar ohne zeitliche Beschränkung (§ 2327 BGB). Hierbei wird die Schenkung dem ergänzten Nachlass hinzugerechnet, hieraus der ergänzte Pflichtteil ermittelt und davon die Schenkung in voller Höhe abgezogen. Wenn im Beispielfall der Sohn vom Vater 200.000 € geschenkt bekam, reduziert sich sein Ergänzungsanspruch auf 100.000 €.